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Zum ersten Mal hat sich ein Verlag vorgenommen, das gesamte Werk Nietzsches aus dem Original in die arabische Sprache zu übersetzen. Durch den Konflikt zwischen der Arabischen und Westlichen Welt, der unsere globale Situation derzeit entscheidend mitbestimmt, stellt dieser Akt der Über-setzung nicht nur ein literarisches, sondern eben so sehr ein kulturgeschichtliches Ereignis dar. Denn inmitten dieser prekären Lage erhebt sich die Frage, wie die arabische Kultur auf das Werk eines Philosophen und Dichters reagieren wird, der die Figur “Zarathustra” literarisch neu auferstehen ließ, um die moralische Weltsicht zu dekonstruieren, die Zoroaster einst, vor tausenden von Jahren, selbst einmal eingerichtet hatte?

Eine bearbeitete Videoversion dieses Interviews wird von Susanne Granzer, Schauspielerin, und Arno Böhler, Philosoph, im Juni 2007 in einer Lecture-Performance im KosmosTheater Wien “on stage” aufgeführt werden. In der Lecture-Performance wird der Frage nachgegangen, welche “Hits” die Leser von Nietzsches Texten erwarten, sobald sie mit seinen Schriften in Berührung kommen, von ihnen also persönlich angerührt werden. (Read more: http://www.univie.ac.at/performanz/pos2)

Seit 2001 werden Nietzsches Werke von dem Kölner Kamel Verlag ins Arabische übersetzt. Arno Böhler & Susanne Granzer (GRENZ-film Vienna) haben am 28.10.2006 mit Ali Mosbah, dem Übersetzer von Nietzsches Werken, in Berlin ein Interview geführt, um sich über den Verlauf des Editionsprojekts zu informieren.




Nietzsche in Arabic: An interview with publisher Khalid Al-Maaly

An Interview Conducted by Susanne Granzer and Arno Böhler


Arno Böhler: Sie haben in Köln den Kamel Verlag gegründet, der sich vorgenommen hat, deutsche und französische Literatur ins Arabische zu übersetzen? Welche Intention verfolgen Sie dabei?

Khalid Al-Maaly: Zuallererst möchte ich gerne festhalten: Ich bin jemand, der es liebt, zu lesen. Ich schreibe auch selbst. Und als arabischer Leser und Schriftsteller habe ich bald herausgefunden, dass viele Werke großer Denker/innen aus Europa nicht ins Arabische übersetzt worden sind und wenn, oft nicht aus der Originalsprache. Das ist auch bei Nietzsche der Fall. Also Sprach Zarathustra war lange das einzige Buch von Nietzsche, das ins Arabische übersetzt worden ist. Das ist doch erstaunlich! Und diese Übersetzung von 1937 stammte zum Beispiel aus dem Französischen. Als mir das klar wurde, habe ich begonnen, Bücher, die ich selbst gemocht und gelesen habe, zu übersetzen bzw. übersetzen zu lassen. Schon früh zählte Nietzsche zu meinen Lieblingsautoren. Daher lag es auf der Hand, sein Werk einmal ins Arabische zu übersetzten. Jetzt ist es soweit.

Natürlich sehe ich mich in meiner Tätigkeit als Verleger auch als Kulturvermittler. Als Über-Setzer von Kulturen, die sich im Akt des Über-setzens zu überkreuzen, zu verschränken und zu touchieren beginnen.

Susanne Granzer: Für die Wahl der Bücher, die Sie übersetzen, sind also ästhetische Kriterien entscheidend?

Khalid Al-Maaly: Ja. Die Freude an einem Übersetzungsprojekt ist das Entscheidendste für mich. Immer noch. Eine Art Lust, im Sinne von Nietzsches „Fröhlicher Wissenschaft,“ ist für mich in meiner Arbeit unabdingbar. Sie steigert sich noch, wenn ich höre, dass viele Menschen in der arabischen Welt, Menschen aus Saudi Arabien, aus dem Oman, Tunesien, Marokko usw., diese Freude mit mir teilen, weil sie durch meine verlegerische Tätigkeit nun in der Lage sind, Autoren wie Nietzsche in Arabisch selbst lesen zu können. Meine Freude ist dann ansteckend, also zur „Mit-Freude“ geworden.

Sie sehen, mein verlegerischer Zugang ist literarischer, und nicht pragmatischer Natur.

Arno Böhler: Was ist es, was Ihnen an Nietzsches Texten Freude macht?

Khalid Al-Maaly: Nietzsche gehört zu jenen Autoren, die mich von Anfang an fasziniert haben. So wie Baudelaire, Paul Celan, Cioran, Claudel, Adorno usw. Sie sind für mich alle Autoren des Trotzes…

Susanne Granzer: …Des Trotzes? Wogegen?

Khalid Al-Maaly: …gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Arno Böhler: Ihre eigene Lebensgeschichte zeugt von diesem Trotz?

Khalid Al-Maaly: Womöglich. Ich bin im Irak geboren. In einem kleinen Dorf namens Samaua. Meine Eltern sind Beduinen, die in der Wüste mit Schafen und Ziegen herumgezogen sind. Erst 1967, ich war damals elf Jahre alt, ist meine Familie sesshaft geworden. 1964, als wir noch halb nomadisch, halb sesshaft waren, bin ich verspätet in die Schule gekommen. Als ich dort Lesen und Schreiben lernte, war mir bald klar, dass ich Dichter werden wollte. Ich wollte schreiben. Ich begann, Baudelaire zu lesen, aber es gab nur schlechte arabische Übersetzungen. Später las ich auch arabische Autoren, zum Beispiel die Mystiker. Schließlich war ich so weit, sie flüssig lesen zu können. Denn anfangs war das alles andere als leicht für mich. Zuhause hatten wir weder Strom noch Stühle, noch Wasser, noch Licht, nur Öllampen.

Je mehr Bücher ich damals las, je drängender ist in mir der Wunsch entbrannt, etwas von dieser anderen, fremden Welt, von der ich las, zu sehen. Ich wollte jemand anderer werden. Wollte neue, andere Bücher kennen lernen. Dinge sehen, sagen und ausdrücken, die ich so noch nicht gesagt hatte, so im Irak Saddam Husseins auch nicht sagen konnte. Meine Meuterei richtete sich anfangs gegen meine Familie, wie das so üblich ist bei jungen Menschen. Aber dann begann sie sich immer mehr gegen den Staat, gegen die herrschende politische Macht im Irak, gegen Religion und den Gedanken der Nation zu wenden.

Meine Bücherwelt wurde mir immer mehr zur „wahren Welt,“ in der ich lebte. Die Welt, in der ich „real“ lebte, wurde mir immer mehr zur „scheinbaren Welt.“ Zu einer Welt des Scheins, der ich entkommen wollte.

Arno Böhler: Wurden Sie von der Baath Partei damals verfolgt?

Khalid Al-Maaly: Die Situation im Irak, zur Zeit Saddam Husseins, war vergleichbar mit der Nazizeit in Deutschland. Wer studieren wollte, einen Job haben wollte, musste Mitglied der Baath Partei sein. Das war ein Zwang, eine gesellschaftliche Notwendigkeit, bei der ich nicht mitmachen wollte. Daher blieb mir letztendlich nur noch die Flucht nach vorne, nämlich das Land zu verlassen. So erging es aber nicht nur mir, sondern den meisten irakischen Intellektuellen und politischen Aktivisten im Irak, und nicht nur diesen.

Susanne Granzer: Wie wurde mit denen, die nicht Teil der Baath-Partei waren, im Irak Saddam Husseins konkret umgegangen?

Khalid Al-Maaly: Wer nicht mitmachte, die Baath-Partei also nicht tatkräftig unterschützte, wurde aus dem gesellschaftlichen Leben des Irak einfach ausgeschlossen. Was soll ein Schriftsteller aber machen, dessen Schriften nicht veröffentlicht werden?

Und selbst wenn man schwieg, war man schon verdächtig, weil man sich nicht öffentlich für die Baath-Partei engagierte. „Wer nicht mitmacht, ist gegen uns,“ das war damals die Logik der irakischen Führung. Viele haben sich im Laufe der Zeit mit der Baath-Partei arrangiert und sich angepasst. Solche Leute durften dann hie und da etwas schreiben. Sie haben dann zwar keine Lobhymnen auf das Regime geschrieben und sind damit auch nicht reich geworden, aber sie konnten wenigstens schreiben und überleben. Menschen sind eben Menschlich, Allzumenschlich.

Dann kam der Krieg gegen den Iran, der vieles im Irak veränderte: das Weltbild vieler Menschen, den Alltag, die Familiengeschichten. Schlimm war besonders die Androhung der Strafe für die ganze Familie, wenn jemand sich quer legte. Die Familie, der jemand angehörte, haftete für alles mit, was jemand tat.

Zum Beispiel wurde mein Vater, bis zu seinem Tod im Jahr 1998, vom Geheimdienst der Baath-Partei fast monatlich vorgeladen. Sie verlangten von ihm, dass er sie über meinen Werdegang nach meiner Flucht aus dem Irak informiere. Dabei war ich, um ehrlich zu sein, nicht wirklich politisch aktiv, solange ich noch im Irak lebte. Irgendwann hatte auch ich meinen aktiven politischen Widerstand aufgegeben und mich auf subversive Akte des Widerstands verlegt; auf mein Schreiben, Lesen, auf Gespräche und den Akt des Übersetzens.

Susanne Granzer: Was hat das für ihren Vater, für Ihre Familie bedeutet?

Khalid Al-Maaly: Der irakische Geheimdienst wollte vor allem wissen, ob mein Vater, bzw. meine Geschwister, Briefe von mir bekamen. Ich habe 18 Geschwister. Einige von ihnen sind Ingenieure, andere im Militär. Keiner von ihnen wurde nach meiner Flucht mehr befördert. Ihre Einkommen wurden seit meiner Flucht aus dem Irak nicht mehr angehoben. Und das etwa 20 Jahre lang.

Neben den politischen Gründen kam nämlich hinzu, dass ich ein junger Träumer war; wirklich ein Träumer. Ich habe mich nach einem anderen Leben, einer anderen Welt gesehnt. Um meine Familie zu schützen, habe ich den Kontakt zu ihr nach meiner Flucht vorsätzlich vermieden. Nachrichten und Informationen über mich durften nur über Umwege zu ihnen kommen. Solange ich als Verräter galt, durfte es kein Beweismaterial dafür geben, dass meine Familie mit mir noch in Kontakt stand. Denn wer im Ausland um politisches Asyl angesucht hatte, war nach den Gesetzen des Irak ein Verräter.

Susanne Granzer: Und wie ist das heute?

Khalid Al-Maaly: Als ich aus dem Irak flüchten wollte, war mein Vater, meine Familie verständlicherweise dagegen. Sie hatten außerdem eine völlig andere Vorstellung vom Leben als ich. Inzwischen sind sie aber stolz darauf, eigentlich schon lange, dass ich damals geflohen bin und hier in Deutschland inzwischen den Kamel Verlag gegründet habe. Dass ich Preise bekommen habe, den Rolf Dieter Brinkmannpreis für Literatur, 1988 den Förderpreis der Stadt Köln und dass die arabische Presse mich öfters zitiert. Heute sind alle stolz darauf, dass ich meinen Weg im Ausland gemacht habe.

Arno Böhler: Was hat sich seit dem Fall des Saddam Hussein Regimes für Sie geändert?

Khalid Al-Maaly: Schon vor dem Fall Saddam Husseins hatte sich die Situation stark verändert. Das Regime der Baath-Partei wurde immer schwächer, so dass es keine Zeit mehr hatte, sich um Fälle wie mich und meine Familie zu kümmern. Nach dem ersten Golfkrieg, also dem Kuwaitkrieg, sind auch andere Mitglieder aus meiner Familie aus dem Irak geflohen. Eine meiner Schwestern ist etwa nach Saudi Arabien geflüchtet und lebt heute in den USA.

Der Großteil meiner Familie lebt aber noch im Irak. Ich habe sie inzwischen mehrmals besucht, in der Wüste, aus der ich herstamme. Eine meiner Schwestern lebt übrigens heute immer noch im Zelt.

Arno Böhler: Wohin sind Sie geflüchtet, nachdem Sie den Irak verlassen hatten?

Khalid Al-Maaly: Zuerst in den Libanon. Das war 1979. Dann nach Frankreich. Frankreich war besonders hart für mich. Ich musste zwei Jahre auf der Straße leben und mich vom Müll ernähren. Zwei Jahre lang war das mein Leben. Wobei Lesen und Schreiben auch damals zu den wichtigsten Überlebenspraktiken für mich gehörten. Sie waren meine erste Nahrung. Daher wollte ich am Anfang so schnell wie möglich mein Französisch verbessern. Mit einem Wörterbuch habe ich begonnen, Gedichtbände zu übersetzen. Sie liegen bis heute hier bei mir. Die Collection Poésie von Gallimard ist ein Buch, das ich wieder und immer wieder gelesen habe. Dieser Sammelband hat mein Verständnis von Sprache Grund legend verändert!

Sie müssen mich verstehen. In der arabischen Dichtung gibt das rhetorische Moment von Sprache den Ton an. Durch die oft sinnlose Anhäufung schöner Worte verliert sie leicht ihre Aussagekraft. In den Collection Poésie von Gallimard wurde hingegen über Erfahrungen gesprochen, ohne sich um den Geschmack der Massen zu kümmern. Dichtung, Schreiben schielt nicht auf die Zustimmung der Massen. Aber diese Art „Schreiben“ muss auch gelernt sein. Sie muss im arabischen Raum erst noch gelernt werden!

Poesie, zu bloßer Rhetorik verkommen, kann sogar ein reaktionäres Instrument der Verdrängung und Vermeidung der Realität werden. Wenn unsere arabischen Dichter die Realität nicht mehr sehen können, weil sie sie verdrängen, wer soll sie dann noch sehen und kritisieren können? Diese Blindheit vieler arabischer Dichter gegenüber den realen Verhältnissen lässt sie auch kaum ein Publikum finden. Die Leser wollen ja auch etwas hören, das mit ihrer realen Situation zu tun hat. Aber darüber verlieren viele arabische Dichter kein Wort. Es fehlt ihren Gedichten einfach an relevanten Aussagen. Daher werden sie auch nur in Auflagen von 5.000 bis 10.000 Exemplaren herausgegeben. Und das für einen Raum von 300 Millionen Araber/innen.

Arno Böhler: Über den Libanon hat Sie Ihr Weg nach Frankreich geführt. Wie sind Sie in der Folge nach Deutschland gekommen?

Khalid Al-Maaly: Über viele Umwege. Eines hat sich aus dem anderen ergeben. Man geht einfach seinen Weg und plötzlich ist man dort angelangt, wo man sich befindet.

Ich kannte einige Leute in Köln und habe für Deutschland ein Visum beantragt, das man damals recht einfach bekommen konnte. Danach habe ich Asyl beantragt. Das Verfahren hat 3 Jahre gedauert. Ich habe im Asylheim gelebt, hatte ein Bett, das war’s. Übrigens, damals begann ich in der Stadtbücherei die Bücher von Paul Celan zu lesen. Zuerst glaubte ich, er wäre Franzose. (lacht) Sein Name klang für mich französisch, wie Paul Claudel. Und dann habe ich begonnen, Nietzsche im Original zu lesen, in Deutsch. Nietzsche kannte ich schon aus dem Gymnasium, allerdings in einer sehr schlechten Übersetzung. Diese ganze Zeit war schwierig und hart. Manchmal sogar sehr hart, fast unmenschlich. Aber es gibt auch schöne Seiten, die ich damals erfahren habe. Einige Freunde, Freundinnen, haben sich wirklich um mich gekümmert, und zwar selbstlos, da ich ja nichts hatte, was sie von mir als Gegenleistung erwarten konnten. Diese Hilfe kam durchwegs von Deutschen. Daher bin ich vielen Menschen in diesem Land sehr dankbar. Eigentlich mehr als dankbar.

Ich habe hier viel gelernt und hoffe, Deutschland auch etwas mitgebracht zu haben. Also nicht nur genommen zu haben. Ich versuche zwischen den Kulturen zu vermitteln. Etwas zu tun, das mir möglich ist. Ob es gut oder schlecht ist, was ich mache, weiß ich nicht.

Arno Böhler: Und wann haben Sie mit Ihrer Arbeit als Verleger begonnen?

Khalid Al-Maaly: Als ich sah, dass hier in Deutschland, in Frankreich, in England viele Menschen interessante Bücher verlegen, ist irgendwann die Idee, die Phantasie in mir erwacht, es diesen Menschen gleich zu machen. Ich wollte durch meine Übersetzungen aufzeigen, dass es neben dieser Welt noch eine andere gab. Die Welt der Literatur, der Texte und Gedichte. Diese andere Welt wollte ich möglichst vielen Leser/innen im arabischen Raum zugänglich machen; sie der Ungerechtigkeit zum Trotz entgegensetzen.

Verlegen ist für mich eine Tätigkeit, in der es mir darum geht, „unter Freunden“ Bücher auszutauschen. Sie gegenseitig zu empfehlen. „Du. Ich habe dieses Buch von Nietzsche gelesen. Kannst du es auch lesen? Es ist sehr schön.“ Diesem Freundschaftsprinzip folgt meine Verlegertätigkeit. Über-Setzen ist das Senden einer lesenswerten Botschaft an einen Freund. Das ist alles.

Susanne Granzer: Über-setzen als Akt der Freundschaft? Als „Freundlichkeit am Herzen“ (Hölderlin)?

Khalid Al-Maaly: Ja. Aber in einem unsentimentalen Sinne. Über-setzen, verlegen, das ist auch eine mühevolle Arbeit. Man darf sich zum Beispiel keine Dankbarkeit, keine Früchte erwarten. Da gibt es einerseits die Schaulustigen, die zusehen, wie man vorankommt und immer wieder stürzt und strauchelt. Dann gibt es die Beamten, deren Unterstützung man braucht, um die Bücher zu realisieren. Dann gibt es jene, die es toll finden, was ich mache. Aber das alles geht eigentlich an mir vorbei. Verstehen Sie? Verlegen ist einfach meine Arbeit und die Früchte meiner Arbeit sind die Werke, die ich herausgebe. Und nur die Werke! Diese Arbeit mache ich für mich und meine Leser/innen. Ich muss das, was ich mache, einfach machen. Das Übersetzen und Verlegen ist mein Leben. Meine Gedanken, meine Lebenszeit gehen in diese Arbeit ein. Und in mein eigenes Dichten. Das, was ich hier mache ist einfach mein Lebenswerk. Verstehen Sie?

Arno Böhler: Verlegen, Schreiben, Übersetzen. Wie bringen Sie diese Tätigkeiten unter einen Hut?

Khalid Al-Maaly: Es gibt Tätigkeiten, die sind einfach schön. Ein Buch verlegen ist eine schöne Arbeit. Bücher lesen, sie lektorieren, auswählen, übersetzen, selbst schreiben und dichten, für die deutsche oder arabische Presse einen Artikel schreiben, all das sind intellektuell anspruchsvolle Tätigkeiten, die mir am Herzen liegen.

Als Verleger gibt es aber natürlich auch noch ganz andere Aufgaben zu erledigen: Entwürfe für Buchumschläge machen, Informationstexte zu Büchern schreiben, zur Druckerei gehen, den Druck überwachen, auf Buchmessen gehen etc.

Sie müssen wissen, dass in der arabischen Welt Buchmessen einem Basar gleichen. Man baut sich selber einen Stand, fertigt Schilder aus Karton an und wartet dann, dass die Leute kommen, kaufen und Geld in die Kasse kommt. Das sind für mich die unangenehmen, die „harten“ Arbeiten. Es ist nicht einfach, aus dem Verkauf von anspruchsvollen Büchern die stehenden Kosten des Verlags hereinzubringen: die Kosten für Copyrights und auch noch Geld fürs eigene Überleben. Oft komme ich mir als Verleger fast wie ein Landbauer vor, der auch „Mädchen für alles“ ist. Ich baue einen Brunnen, der mir das Wasser liefert, um mein Land zu bewässern und die Früchte zu ernten.

Seit zwei Jahren besitze ich im Irak ein Büro mit mehreren Leuten, die dort arbeiten. Aber die gegenwärtige Sicherheitslage macht die Arbeit vor Ort schwer. Zwar haben wir es geschafft, in den meisten großen Städten im Irak „Großkunden“ zu finden, die uns die Bücher abnehmen, um sie in ihren Regionen zu verkaufen. Aber diese Kunden gelangen oft nicht mehr nach Bagdad. Weder hinein noch hinaus, so dass diese Vertriebswege nicht mehr funktionieren und zum Stillstand gekommen sind.

Hoffen wir, dass sich die Lage dort bessert. Dann könnte ich auch einen Teil meiner Verlagsarbeiten von Deutschland auslagern und direkt im Irak von Mitarbeiter/innen erledigen lassen. Aber im Moment ist im Irak alles noch vage, unsicher und schwierig. Was mich in meiner Arbeit jedoch immer wieder ermutigt, ist die Tatsache, dass es in der arabischen Welt einen großen Durst nach Büchern, wie etwa die von Nietzsche, gibt. Die letzte Lieferung von Büchern in den Irak war gleich in der ersten Woche verkauft. Wir mussten sofort nachliefern. Ich weiß von diesem Durst nach Büchern, weil ich selber einer dieser durstigen Leser war; ein Träumer. Wie sagt Nietzsche? „Nur Narr! nur Dichter!“ (lacht) Auf der Suche nach Büchern, nach neuen Büchern, bin ich einst selbst aus dem Dorf in die Stadt gegangen, dann in eine Hauptstadt usw. Ich glaube fest daran, dass diese Quelle der Hoffnung und Inspiration, die ich aus dem Lesen von Büchern ziehe, nie versiegt. Auch bei anderen nicht.

Arno Böhler: Welches arabische Publikum liest ihre Bücher?

Khalid Al-Maaly: Leider ist das Niveau auf den arabischen Universitäten sehr schlecht geworden und das Klima insgesamt korrupter. Auch können es sich Professor/innen an einer arabischen Universität, z. B. in Ägypten, oft nicht mehr leisten, ein Buch zu kaufen, so gering sind dort ihre Gehälter.

Die Bibliotheken ägyptischer Universitäten kaufen kaum mehr Bücher an. Dagegen werden meine Bücher von Universitäten in Tunesien, Marokko oder Syrien regelmäßig bestellt. Es gibt auch verstreut einzelne Leser, die, wie gesagt, gierig nach Büchern sind. Und für sie mache ich meine Bücher. Ich freue mich dann, wenn sie sich darüber freuen, dass noch gute Bücher erscheinen und dass sie ungeduldig auf Neuerscheinungen warten. Es geht alles langsam, braucht Zeit. Aber ich bin voller Hoffnung und habe viele Begegnungen, die mich in meiner Hoffnung wieder und wieder bestärkten. Diese Leser sind meine „Schwestern,“ „meine Brüder,“ wie Baudelaire sagt. Diese Leser sind es, die ich erreichen will. Und sie erreiche ich auch.

Arno Böhler: Wie schätzen Sie das derzeitige Verhältnis zwischen Europa und der arabischen Welt ein?

Khalid Al-Maaly: Derzeit will niemand wirklich anerkennen, dass die Beseitigung des Regimes von Saddam Hussein im Irak nicht gelingt. Es gibt zu viele Mächte, die einen solchen Wechsel gar nicht wollen. Etwa die Nachbarn des Irak, Iran und Syrien, aber auch andere arabische Staaten. Die Region will diesen Wechsel nicht. Das sieht man z. B. im „Mörder-TV“ Al-Jazeera. Da geht es nur darum, die Wahrheit dreimal am Tag nicht zu sagen, wie Max Frisch in Bezug auf die Neue Zürcher Zeitung einmal sagte, bei der ich und meine Frau selbst ab und zu schreiben. (lacht).

Arno Böhler: Ihre Einschätzung von Al Jazeera fällt nicht gerade wohlwollend aus?

Khalid Al-Maaly: Al Jazeera ist einfach nur ein Sender zur Erzeugung und Verbreitung von Hysterie. Dort gibt es keine Diskussionen, keine kritischen Hintergrundsberichte. Und gerade dieser Sender wird öffentlich so hoch gepriesen. Auch im Westen. Daran sieht man wieder einmal exemplarisch die europäische Doppelmoral. Einerseits will der Westen seine Werte auf dem ganzen Globus in Kraft setzen, andererseits akzeptiert er Sender wie Al-Jazeera, auch wenn sie keine westlichen Standards in ihrer Berichterstattung einhalten. Selbst hier in Deutschland ist es für mich gar nicht leicht, mich öffentlich gegen den Sender Al-Jazeera auszusprechen.

Arno Böhler: Also nicht nur die Nachbarländer um den Irak wollen die Demokratisierung nicht wirklich, sondern auch Europa und Amerika wollen sie nicht entschieden genug?

Khalid Al-Maaly: Nein, so einfach würde ich das nicht sagen wollen. Denn ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was die Amerikaner im Irak wirklich wollen. Ich habe immer wieder versucht, aus dem, was die Medien verbreiten, herauszufinden, was Amerika eigentlich will. Aber das Verhalten der Amerikaner ist so dumm und widersprüchlich, dass es mir immer noch nicht gelungen ist, herauszufinden, was sie wollen.

Die Folgen dieser Ambivalenz für den Irak sind einfach verheerend. Ich kann nur sagen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe. Dass die Situation im heutigen Irak einfach chaotisch ist. Die täglichen Morde sind schrecklich. Die Fanatisierung der muslimischen Gemeinden, der Bürgerkrieg unter ihnen, ist schrecklich. Wir sind heute soweit, dass wir im Irak beinahe einen „religiösen Staat“ haben. Vor kurzem habe ich in einer arabischen Zeitung gelesen, dass im Irak keine Tomaten und Gurken mehr verkauft werden sollten, da sie sexuelle Symbole darstellen würden. Und selbst die Ziegen wären eine Gefahr, weil ihre Schwänze oft sichtbar wären und sie daher besser bedeckt und versteckt werden sollten.

Die Briten waren da klüger als die Amerikaner. Die haben die Situation der Länder, die sie besetzt haben, davor eingehend studiert.

Aber noch einmal. Ich weiß nicht, was die Amerikaner im Irak derzeit wirklich wollen. Wer weiß, vielleicht sind sie von Sinnen und wollen dieses Chaos? Vielleicht wollen sie den Irak als Schauplatz von Bürgerkriegen, vielleicht wollen sie den Fanatikern im Irak den Boden bereiten? Verstehen Sie? Ich weiß einfach nicht mehr, was sie wollen!

Arno Böhler: Sie sind öfter im Irak, in dem Sie auch ein Büro haben. Haben Sie da nicht Angst, von den religiösen Wächtern im Irak bedroht zu werden?

Khalid Al-Maaly: Nein. Denn bis jetzt hat der religiöse Moral- oder Geheimdienst im Irak noch keine Zeit für Leute wie mich. Diese Zeit möchte ich nützen, um möglichst noch schnell viele Bücher herauszugeben. Neben Nietzsche habe ich auch andere Autoren ins Arabische übersetzt, die in ihrer Religionskritik vielleicht noch bissiger sind als Nietzsche. Zum Teil auch radikale Religionskritiker arabischer Herkunft, die ihrerseits wiederum teilweise von Nietzsches Werken inspiriert worden sind.

Susanne Granzer: Wer?

Khalid Al-Maaly: Ich denke dabei zum Beispiel an den saudischen Autor Abdallah Al-Qassimi, der, ich glaube 1996 in Ägypten verstorben ist. Er benützt teilweise Nietzsches Wendungen und wendet sie gegen die arabische und islamische Realität an. Der Unterschied zu Nietzsche liegt darin, dass er selbst ein Prediger, ein Wahhabit, ein Religionsprediger war. Und noch ein Beispiel möchte ich anfügen. Einen irakischen Dichter, der 1945 gestorben ist. Er heißt Maruf Al-Rasafi und hat ein Manuskript hinterlassen mit dem Titel Die mohammedanische Persönlichkeit. Es handelt sich um eine Recherche über die Biographie des Propheten Mohammed. Mohammed ist für ihn eine spannende, intelligente Persönlichkeit. Sein Manuskript wagt es, die reale Person im Propheten zu ent-decken. Niemand im arabischen Raum hat es gewagt, das Manuskript oder ein ähnliches Werk zu veröffentlichen.

Arno Böhler: Sie haben gesagt, Sie würden nur Autoren übersetzen, die Sie persönlich ansprechen und interessieren. Was hat Sie bei Nietzsche angesprochen?

Khalid Al-Maaly: Ich brauchte ihn als meinen Dynamit-Ersatz.

Arno Böhler: Nietzsche ist aber selbst Dynamit.

Khalid Al-Maaly: Ja, aber ich brauche einen Dynamit-Ersatz, weil ich selbst ein Dynamit einer gewissen Stärke bin. Nietzsche brauchen wir alle als Trotz-Literatur gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt, als Dynamit gegen die Ungerechtigkeit. So, wie man Lieder braucht, die man gemeinsam mit anderen singen kann, so brauche ich Nietzsche, um gemeinsam mit ihm gegen die Ungerechtigkeiten der Welt anzuschreiben. Ich brauche ihn für ein gemeinsames Konzert wider die Ungerechtigkeit. Aus Trotz, als Trotzreaktion.

Arno Böhler: Nietzsche als Trotz-Autor?

Khalid Al-Maaly: Ja. Wir müssen die jungen Menschen in der arabischen Welt wieder dazu bringen, dass sie ihre eigene Lage wieder ernst nehmen; sie reflektieren und den Mut aufbringen, sie nicht zu verdrängen, sondern wahrzunehmen. Wir müssen sie also wieder dahin bringen, sich mit ihrer eigenen Realität auseinanderzusetzen.

Arno Böhler: Nietzsche gehört für Sie zu jenen, die uns aus unseren „Jenseitsträumen“ wieder zurück auf die Erde und ihre Realitäten bringen?

Khalid Al-Maaly: Ja. Genau. Vor kurzem haben wir zum Beispiel Nietzsches Gesammelte Gedichte, nach dem Vorbild der Collection Poésie von Gallimard, in Arabisch veröffentlicht. Die Gedichte sind in der arabischen Welt hervorragend angekommen. Wir wollten mit diesem Gedichtband einfach zeigen, dass Nietzsche ein Philosoph war, der dichten konnte. Das Buch verkauft sich sehr gut, sogar besser als Romane und philosophische Prosa.

Arno Böhler: Auch Ecce Homo ist im Kamel Verlag inzwischen in Arabisch erschienen.

Khalid Al-Maaly: Ja. Ecce Homo wurde von Ali Mosbah übersetzt und von mir 2002 in Arabisch herausgegeben.

Arno Böhler: Nietzsches Zarathustra ist jetzt an der Reihe. Die Übersetzung, zum ersten Mal aus dem Deutschen, wird derzeit gerade fertig gestellt.

Khalid Al-Maaly: Ja,. Ali Mosbah ist mit der Übersetzung fast fertig. Danach geht es weiter. Ich will alle Bände von Nietzsche herausbringen. Das gesamte Werk. Aber auch noch andere Autoren Cioran, Baudelaire etc.

Susanne Granzer: Warum gerade Cioran? Diesen unglaublichen Hoffnungsschrei eines Pessimisten?

Khalid Al-Maaly: E.M. Cioran ist für mich, wie Nietzsche, einer dieser Trotz-Autoren. Er wollte seine Magisterarbeit, oder war es seine Doktorarbeit? – über die Geschichte der Tränen schreiben. Eine Tränengeschichte! Was für eine grandiose Idee!

Arno Böhler: Nietzsche hat sich selbst wiederholt Gedanken darüber gemacht, welche Leser, Leserinnen er sich wünscht.

Khalid Al-Maaly: Natürlich wird Nietzsche auch im arabischen Raum primär von Intellektuellen gelesen. Aber seine Leser variieren von Land zu Land. Dort, wo das Bildungssystem noch halbwegs in Takt ist, wie etwa in Tunesien, dort wird Nietzsche oft schon in den Gymnasien unterrichtet. Während in Ländern wie Saudi Arabien eine solche humanistische Grundbildung einfach nicht mehr stattfindet. Und in Ländern wie Ägypten nur sehr rudimentär. Wenn es Nietzsches Werke in Zukunft in arabischer Sprache zu lesen gibt, dann können ihn von nun alle Araber lesen, auch die, die nur arabisch lesen können. Nietzsches Ecce Homo ist jetzt in der zweiten Auflage. Die erste Auflage, 2.000 Exemplare, sind verkauft. Jetzt sind die nächsten 2.000 Exemplare an der Reihe. Damit bin ich zufrieden, das ist ganz gut.

Arno Böhler: Wie finanzieren Sie diese Projekte?

Khalid Al-Maaly: Leider habe ich keine arabischen Sponsoren gefunden. Das ist eine bittere Erfahrung für mich. Dazu kommt, dass die arabischen Verleger ihre eigenen Bücher kaum lesen und die arabischen Autoren, wie schon erwähnt, die Realität lieber verdrängen als reflektieren. Daher bin ich gezwungen, meine Projekte selbst zu realisieren und oft aus eigener Tasche zu finanzieren. Ich bin einfach kein guter Kaufmann, sondern einer dieser schlechten Idealisten. (lächelt). Daher muss ich jeden Tag neu lernen, wie ich aus meinen Tätigkeiten auch meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Irgendwie geht das schon. Ich schreibe als freier Schriftsteller und bin, wie auch meine Frau, als Journalist tätig. Was am Ende des Monats zusammen kommt, investieren wir beide meistens gleich wieder in den Verlag. Hie und da erhalten wir auch Zuschüsse vom Staat. Aber für die vier Nietzsche-Bücher, die ich inzwischen verlegt habe, habe ich nur für eines einen staatlichen Zuschuss bekommen. Ecce Homo, zum Beispiel, wurde abgelehnt.

Aber wenn ich überzeugt bin, dass ein Buch übersetzt und verlegt werden sollte, dann mache ich es auch ohne staatliche Förderung. Verstehen Sie das? Man muss bereit sein, für seine Bücher etwas zu opfern. Nicht nur Zeit und Mühe, sondern auch Geld, wenn es nötig ist. Wenn ich will, dass meine Bücher für die Menschen in Bagdad erschwinglich sind, dann muss ich sie unter ihrem Selbstkostenpreis verkaufen. Statt für $ 5,-- verkaufe ich sie dann vielleicht um $ 2,50, weil den Menschen das Geld fehlt, mehr zu bezahlen.

Dazu kommt, dass auch meine Übersetzer von dem Honorar abhängig sind, da sie meistens nicht reich sind und auch überleben müssen. Ich muss Ihnen also etwas zahlen können, damit sie ihre Arbeit überhaupt machen können. Und auch wenn das keine großen Beträge sind, so müssen sie doch von mir aufgebracht werden. Das Ganze würde nicht funktionieren, wenn wir uns nicht gegenseitig auch finanziell unterstützen und entgegenkommen würden. Für die Herausgabe von Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften haben wir insgesamt ganze € 3.000,-- erhalten. Das Buch hat 1200 Seiten, die übersetzt und gedruckt werden müssen. Weder staatliche, noch private Institutionen waren bereit, uns dafür mehr Geld zur Verfügung zu stellen. Trotzdem arbeitet der Übersetzer weiter. Soeben ist der zweite Band erschienen.

Arno Böhler: Nietzsche, Musil, wen übersetzen sie derzeit noch ins Arabische?

Khalid Al-Maaly: Es ist mir ein Herzensanliegen, Heinrich Heines Werke für die arabische Welt zugänglich zu machen. Leider will das offensichtlich niemand anderer, zumindest niemand, der mich bei diesem Vorhaben auch finanziell unterstützen könnte. Auch mein Antrag auf Förderung meines Büros in Bagdad wurde abgelehnt. Pro Jahr bringe ich 5-6 Bücher in Arabisch heraus. Bis jetzt habe ich mehr als 60 Werke der deutschsprachigen Literatur übersetzen lassen und herausgegeben. Der Großteil ohne irgendeine Subvention. Wäre es nicht eine schöne Idee, wenn es zum Beispiel einer Nietzsche Gesellschaft einfallen würde, Stipendien für die Übersetzung von Nietzsches Werken ins Arabische zu vergeben?

Arno Böhler: Welche Erfahrungen haben Sie in diesen 27 Jahren hier in Deutschland als Araber gemacht?

Khalid Al-Maaly: Ich lebe ziemlich isoliert. Es gibt Freunde, aber die kommen alle aus sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Mein Leben als Araber habe ich schon fast vergessen. Meine Freunde sind zufällige Nachbarn, Autoren, Künstler, Journalisten. Sehr gemischt, was ihre Berufe und ihre Herkunft betrifft. Es sind Iraner, Türken, Griechen, alles kunterbunt gemischt. Eigentlich lebe ich global vernetzt. Meine Autoren und Übersetzer sind über die ganze Erde verstreut. Sie leben in den USA, in Lateinamerika, in Australien, in Japan, ich habe auch russische Autoren.

Arno Böhler: Und Sie übersetzen auch selbst?

Khalid Al-Maaly: Ich übersetze nur Lyrik. Aus dem Deutschen ins Arabische und umgekehrt. Aber zu zweit, weil ich der deutschen Sprache noch immer nicht genügend mächtig bin.

Arno Böhler: Sie haben gesagt, dass Sie Literatur mögen, die den Ungerechtigkeiten der Welt trotzt.

Khalid Al-Maaly: Jeder große Autor oder Philosoph ist Visionär. Bei jedem Schritt oder Tritt sieht man das bei Nietzsche.

Arno Böhler: Und was ist seine Vision für sie?

Khalid Al-Maaly: Das lässt sich nicht so einfach sagen. Nietzsche greift viele Dinge an, um sie zu verwandeln. Für mich sind besonders zwei Fragen wichtig und problematisch. Die religiöse und die nationale Frage. In Bezug auf beide hat Nietzsche Wichtiges zu sagen. Und da es immer Ungerechtigkeiten in der Welt gibt, werden die Philosophen und Dichter immer etwas zu sagen haben. Ein Visionär ist für mich immer auch ein Träumer. Verstehen Sie? Visionäre träumen und tragen dadurch eine Hoffnung in die Welt. Ich sehe mich selbst auch als Hoffnungsträger, verstehen Sie? Ein Hoffnungsträger ist da, um seinen Weg zu gehen, ohne von der Welt etwas zu erwarten. Er geht seinen Weg, vorwärts, immer weiter. Singt ein Lied, singt es weiter, entwickelt die Melodie seines Liedes weiter, schaut zu, wie die Wolken vorbeiziehen usw. Wie ein Hirte, der den Schafen zuschaut. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich war als Kind selbst Schaf- und Ziegenhirte. Ein Hirte hat Zeit zu träumen. Versunken in seine Gedanken wacht und bewacht er die Schaf- und Ziegenherden. Solche Kindheitserfahrungen bleiben einem. Verstehen Sie?

Diese poetische Einstellung fasziniert mich! Denken wir zum Beispiel an Nietzsche. An seine dichterische Sprache und die Poesie seines Werkes. Er hat Philosophie und Dichtung gleichzeitig betrieben.

Arno Böhler: Könnte man sagen, er war die Figur eines Künstlerphilosophen par excellence?

Khalid Al-Maaly: Ja. Aber er war auch ein Materialist, ein Mensch der Sinne und Kritiker einer Jenseitsphilosophie.

Susanne Granzer: Ali Mosbah, der Nietzsches Werke ja gerade übersetzt, hat uns in seinem Interview gesagt, dass Nietzsche für ihn für das 21. Jahrhundert jener Visionär werden könnte, der Marx für das 19./20. Jahrhundert war, weil er die Kategorie des Sinns an das Individuum rück bindet. Wie sehen Sie das?

Khalid Al-Maaly: Die arabischen Kommunisten haben sich immer als Anti-Nietzscheaner verstanden. Für sie ist Nietzsche ein Nazischriftsteller. Aber das eigentliche Problem sehe ich nicht darin, dass man Nietzsche mit Klischees überschüttet oder womöglich sogar reaktionär vereinnahmt. Das wirkliche Problem liegt darin, dass es heute massenhaft Kräfte im arabischen Raum gibt, die überhaupt nicht denken. Sie verfügen über keinerlei eigenständige Gedanken, sondern bloß über diffuse religiöse Vorstellungen. Ich meine jene Leute, die massenhaft gegen den Papst demonstrieren oder, weil es in Dänemark Cartoons über Selbstmordattentäter gibt. Tausende, tausende gehen einfach so demonstrieren, ohne zu denken. Sie sterben sogar dafür. Brave Muslime. Ohne sich dabei selbst etwas gedacht zu haben.

Arno Böhler: Gedankenlosigkeit?

Khalid Al-Maaly: Ja, keinerlei kritische Gedanken, keine eigenständigen Gedanken. Eine gedankenlose Masse, die von den Anführern einfach zum Tanzen gebracht werden kann, auch wenn sie sie in die Hölle schicken.



Interview © Susanne Granzer/Arno Böhler-Nietzsche Circle, 2007.
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Susanne Granzer, Lehrstuhl für Rollengestaltung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Max Reinhardt Seminar). Als Schauspielerin 15 Jahre an Staatstheatern in Wien, Basel, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Berlin. Parallel Studium der Philosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt. 1995: Promotion an der Universität Wien. Theaterrecherchen in Indien (Kalakshetra) und Südkorea (Hankuk University). 1997 Forschungsaufenthalte: Juilliard School und Herbert Berghof Studio (bei Uta Hagen), New York. Publikationen (Auswahl): Absenz. Erfahrungen der Abwesenheit, Freiburg/München 2007 (im Druck), ABC.Zäsuren der Kindheit, Hildesheim/Zürich, 2005. Advisory Board: Nietzsche Circle New York sowie GlobArt, Connecting Worlds of Arts and Sciences. http://personal.mdw.ac.at/granzer

Arno Böhler: Philosoph und Filmemacher. Dozent am Institut für Philosophie der Universität Wien. Forschungsaufenhalte an der New York University und Princeton University. Leitung des FWF–Forschungsprojekts: “Materialität und Zeitlichkeit performativer Sprechakte. Philosophy On Stage”. Forschungsschwerpunkte: Continental Philosophy, Poststrukturalismus, Interkulturelle Philosophie. Buchpublikationen: Singularitäten, Vom zu-reichenden Grund der Zeit, Wien 2005; Unterwegs zu einer Sprache der Freundschaft, Wien 2000; Das Gedächtnis der Zukunft, Wien 1996. Advisory Board: Nietzsche Circle New York sowie GlobArt, Connecting Worlds of Arts and Sciences. http://homepage.univie.ac.at/arno.boehler

1997 haben Susanne Granzer & Arno Böhler gemeinsam die Wiener Kulturwerkstätte GRENZ-film gegründet. Realisation von Philosophie im Bild – 4 DVD-Bücher Passagen Verlag, Wien 2005 – sowie Philosophy On Stage (Lecture-Performances in Europa und den USA).



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